Ökumenisches Echo

Der Kölner katholische Pastoraltheologe Frank Reintgen bemerkt in der jüngst erschienen letzten Nummer der Internet-Zeitschrift Futur2 im Rückblick auf katholische Erfahrungen mit der zunächst als revolutionär erfahrenen Milieu-Perspektive:

„Die Begegnung mit der (Sinus-) Milieu-Theorie ließ viele Gemeinden und Verantwortlichen in den letzten Jahren ratlos zurück. Aufmerksam geworden auf die unterschiedlichen Lebenswelten und die Ausdifferenzierung der Gesellschaft gelang es den meisten Gemeinden nicht, aus diesem Wissen konkrete Ideen und Projekte für die Pastoral abzuleiten. Gerade hier leistet auch der dritte Band der Reihe „Milieu und Kirche“ einen wichtigen Beitrag. Insbesondere der zweite, sehr praktisch orientierte Teil des Buches ist diesbezüglich höchst anregend. Wie schon im ersten Band der Reihe gelingt es den Herausgebern auch beim Themenfeld kirchliche Bestattung aufzuweisen, wie aus der Lebenswelttheorie konkrete Handlungsoptionen in der Pastoral abgeleitet werden können.“ 

Das ist ein besonders bemerkenswertes Lob von Seiten der älteren Schwester, die 10 lange Jahre, bevor evangelische Kirche und Theologie die Bedeutung des SINUS-Milieu-Modells für sich entdeckte, bereits eine erste Kirchenstudie auf der Basis des SINUS-Ansatzes erstellen ließ, die bis heute Wellen schlägt und ständig aktualisiert wird.
Auch im Bereich der Evang. Landeskirchen in Baden und Württemberg war die Zurückhaltung gegenüber diesem sozialwissenschaftlichen tool zunächst groß und die Pfarrerschaft zuerst regelrecht gespalten. Inzwischen ist die Perspektive an der Basis der beiden Landeskirchen angekommen und etabliert. Wichtig war dafür der von Anfang an deutliche Wille, zu zeigen, inwiefern die Lebensweltperspektive für die verschiedenen Felder kirchlichen Lebens eine Hilfe sein kann, und ebenso die gemeinsame Anstrengung der beiden südwestdeutschen Kirchen dieses neue Instrument breit zugänglich zu machen. Dazu haben wesentlich die drei von den Kirchenleitungen unterstützten und bisher erschienenen Bände in der Reihe „Kirche und Milieu“ (Neukirchen) beigetragen, ebenso der konzertierte Ankauf der Milieu-Daten für den Bereich der Landeskirchen und schließlich die regelmäßig stattfindenden sog. „Multiplikatoren-Schulungen“ für Milieuberater/innen. Diese sorgen dafür, dass mit den – teilweise sensiblen – Daten sorgfältig und sachkundig umgegangen wird und dass die Lebensweltperspektive in das Konzept der Gemeindeberatung integriert wird (vgl. Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, 2. Aufl. 2013).
.Es bleibt zu hoffen, dass auch die EKD(-Leitung) sich nicht länger diesem wichtigen Instrument verschließt. Nachdem die vierte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Anfang des 21. Jh.s programmatisch Lebensweltforschung (durch die Berücksichtigung wenigstens von Lebensstilen) integriert hatte, muss es befremden, dass dieser Ansatz in der neuesten, fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung nicht weitergeführt worden ist. Kann die Konkurrenz zu dem von der katholischen Schwesterkirche entdeckten SINUS-Milieu-Modell wirklich Grund genug sein, mit anderthalb Jahrzehnte alten Daten zu leben (für die empirische Sozialwissenschaft eine halbe Ewigkeit) und hinsichtlich lebensweltlicher Orientierung der eigenen Mitglieder quasi im Blindflug unterwegs zu sein? (Zum Vergleich von SINUS-Studie Evangelisch in Baden und Württemberg und V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vgl. Hempelmann: Kirchendistanz oder Indifferenz? Wie die Kirche von der Typologie der Lebensweltforschung profitieren kann. Ein kritischer Abgleich der Sinus-Studie für Baden-Württemberg mit der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in: ThBeitr 45 (2014), 284-303)

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