Kirche und „Prekäres Milieu“

(1)Das „Prekäre Milieu“ (PRE) ist das Milieu mit den durchschnittlich niedrigsten materiellen und Bildungsressourcen. Das PRE ist das einzige Milieu, das die ihm zugehörigen Menschen zu verlassen suchen. Menschen im PRE leben unter prekären Lebensverhältnissen, die nicht zu beschönigen sind.

(2)Personen, die dem PRE zuzurechnen sind, erfahren überdurchschnittlich viel Zurückweisung, Ausgrenzung und Abwehr.

(3)Anschauungen und Lebensweisen der PRE werden in der Kirche von tonangebender Seite als politisch nicht korrekt eingestuft. Ekelschranken werden auch von Seiten anderer Milieus in der Kirche aufgerichtet. Die in der Gesellschaft erfahrene Diskriminierung setzt sich in der Kirche fort.

(4)PRE nehmen Kirche ästhetisch als überaltert (traditionsfixiert) und sozial als Repräsentation der Lebenswelt wahr, in die sie gerne aufsteigen möchten.

(5) Kirche ist für PRE der fremde Ort, an den sie nicht gehören und dem sie sich nicht zugehörig wissen.

(6) Kirchlich gibt es vor allem einen diakonischen Berührungspunkt. Die oft als solche empfundene Barmherzigkeitsdiakonie steht aber im Widerspruch zu dem Selbstverständnis, stark und nicht hilfsbedürftig zu sein. Ärger und Frustration sind die Konsequenzen auf beiden Seiten.

(7) PRE stehen der Kirche nicht generell kritisch, wohl aber distanziert gegenüber. Kirche ist nicht ihre Welt.

(8) Kommunikationsversuche müssen die Goes wie die No-Goes beachten.

(9) Wichtig sind die universalen menschlichen Brücken Anerkennung, Wertschätzung, Förderung und Respekt.

(10) Touchpoints ergeben sich dort, wo Kirche der Lebensweltlogik des PRE entsprechend um Hilfe und Unterstützung bittet und dabei die spezifischen Begabungen und die spezielle Leistungsfähigkeit der Menschen im PRE berücksichtigt.

(11) Da auch die Kirchengemeinde vor Ort im Regelfall milieugebunden und –dominiert ist, ist der Wunsch, Menschen aus dem PRE in die Kerngemeinde zu integrieren, kritisch zu bewerten.

(12) Erfolgversprechend sind lokal orientierte Gemeinden (LoKs), die aus der Lebenswelt herauswachsen. Da das PRE auch umgekehrt für Traditionelle (TRA), Sozialökologische (SÖK) und Bürgerliche Mitte (BÜM) eine andere Welt bedeutet, sind Brückenpersonen wichtig, die zwischen den Lebenswelten vermitteln können und dadurch Überforderungen zu vermeiden helfen.

Milieusensible Jugendarbeit

Vom 5.-7. Dezember fand in Kassel die Referententagung des deutschen EC-Verbandes statt. Spannend ist schon der Sachverhalt, dass dieser evangelikal und früher traditionsorientierte Jugendverband sich für drei Tage das Thema „Milieusensible Jugendarbeit“ gegeben hatte.

Vor allem viererlei wurde thematisiert und deutlich:

  • Jugendarbeit geschieht weitgehend milieuverengt. Es dominiert immer noch eine Vorstellung von der Jugend. In größeren Städten gibt es gezielte Versuche der Milieuüberschreitung. Prägend sind die Gemeinden und – Gnadauer – Gemeinschaften, in deren Auftrag Jugendarbeit geschieht und die diese Arbeitszweige auch finanzieren.
  • Spannend ist ein Blick auf die hauseigene geistliche Verpflichtung, in der Werte der Kontinuität, Treue, Verpflichtung und Konstanz dominieren. Hilfreich und weitere Zielgruppen gewinnend wären Formulierungen, die das Thema Nachfolge aus einer anderen Mindset-Perspektive alternativ erschließen etwa im Sinne der Wertschätzung von Aufbruch, Flexibilität, Mobilität, Innovation und Kreativität.
  • Verständlich und dominant ist die Erwartung, dass die Jugendlichen, die gewonnen werden, in die bestehenden Gemeinden integriert werden und diese verstärken, sowie deren Fortbestand sichern. An dieser Stelle bot die Lebensweltperspektive die Möglichkeit, einen ohnehin schon bestehenden Eindruck zu präzisieren und zu verstärken: Die mentale Differenz zwischen den bestehenden Gemeinden und Gemeinschaften und den Jugendgruppen ist so groß, dass eine Brücke vielfach nicht möglich scheint.
  • Die Überlegung liegt nahe, in Analogie und Aufnahme des Jugendkirchen-Konzeptes Gemeinde- und Gemeinschaftsformen eigenen Formats anzubieten, um jungen Menschen eine geistliche Heimat zu geben, die sie sehr häufig in den bestehenden Formaten nicht finden. Das stellt allerdings vor erhebliche politische und administrative Herausforderungen.

Ehrenamtliches Engagement aus lebensweltlicher Sicht

Was trägt die Milieuperspektive für die Gewinnung ehrenamtlicher Mitarbeiter aus?

Zu diesem Thema fand am 21. November 2016 im Bistum Aachen ein Studientag statt, an dem ich u. a. die anhängenden Thesen („Sieben Grundsätze“) vorgetragen habe.

Ziel der Überlegungen war es, drei Perspektiven in Verbindung zu bringen bzw. in ihrem Zusammenhang zu entdecken:

  • die unterschiedliche lebensweltliche Prägung der Menschen, die Kirche, speziell ihre Hauptamtlichen, für die Mitarbeit gewinnen will,
  • die Bedürfnisse der Institution Kirche, die für ihre verschiedenen Arbeitsfelder – teilweise händeringend – nach Mitarbeitern sucht und – so eine weit verbreitete Erfahrung – immer schwieriger welche gewinnt, und
  • die theologische Perspektive auf Kirche als Organismus, mit Paulus: als Leib (1. Korinther 12), dessen Funktionieren vom Zusammenwirken unterschiedlichster Gaben abhängt.

Kernthese 1: Kirchenmitglieder sind heute nicht einfach weniger bereit, mitzuarbeiten. Moralische Urteile verbieten sich. Das Problem liegt nicht in mangelnder Bereitschaft zur Mitarbeit. Das Problem liegt darin, dass die Kirche sich nicht auf die veränderte und breitere Prägung ihrer Mitglieder einstellt.

Kernthese 2: Mitgliederakquise ist auch heute da erfolgreich, wo Kirche von den Menschen her denkt, die sie gewinnen will, und nicht primär von ihren (institutionellen) Bedürfnissen her. Menschen wollen selbst Zwecke sein und nicht „verzweckt“ werden.

Kernthese 3: Beim Prozess der Gewinnung von Mitarbeitern treffen Individuum und Kollektiv, individuelle Wünsche und Bedürfnisse des institutionell organisierten Kollektivs aufeinander.  Es kann helfen, diesen Zusammenhang im Rahmen der Charismenorientierung des Paulus in 1. Kor 12 zu denken. Wir brauchen einander und engagieren uns, aber eben nach Maßgabe der Gaben, milieutheoretisch: der lebensweltlichen Prägungen und Logiken, die wir jeweils mitbringen.

Es zeigte sich, dass eine so gewendete Fragestellung nicht nur neue Potentiale erschließt, sondern das Zeug dazu hat, auch kirchenreformerische Akzente zu setzen. Theologisch gefragt: Was sind denn die Gaben und Begabungen, die Prägungen und Interessen der Menschen, auf die wir vor Ort in den Gemeinden treffen? Wenn wir von ihnen her denken, müssen wir dann nicht traditionelle Erwartungen, Wünsche und Institutionen (für die sich womöglich gar niemand mehr findet) auch zu überdenken bereit sein?

 

Sieben Grundsätze:

(1) Wir wollen Menschen gewinnen zur Mitarbeit. Dafür müssen wir von ihnen her denken:

Mitarbeit muss – für sie  – »passen«;

Mitarbeit muss etwas – für sie  – bedeuten.

Es muss – für sie  – ein individueller Benefit  erkennbar sein.

 

(2) Auch wir möchten uns entlang unseren Begabungen und Stärken einsetzen.

Nahezu jeder macht gerne mit, wenn er zeigen kann, was er kann.

Nahezu niemand ist so masochistisch veranlagt, dass er mitmacht, wenn abzusehen ist, dass man sich blamiert; nicht so gut dasteht; versagt oder auch nur schlechtes Mittelmaß ist.

 

(3) In der Mitarbeit begegnen sich Individuum (mit seinen Begabungen) und Kollektiv (mit seinen Anforderungen !). Die Botschaft: Begabungen  unterscheiden sich, werden aber alle gebraucht.

Im Idealfall ergänzen sie sich im Sinne des Reichtums des Leibes Christi (1Kor 12).

Wir haben hier mitten im Neuen Testament eine Anweisung, Stärken und Gaben wie Begabungen wahrzunehmen und zu nutzen.

Paulus leitet dazu an, diese (1) zu differenzieren und (2) alle wertzuschätzen.

 

(4) Lebensweltperspektive hilft zu einer positiven Sicht der unterschiedlichen Prägungen: Milieuprägungen sind Begabungen (die dem Ganzen dienen).

Es gibt kein „wichtig“ oder „unwichtig“. Für den Organismus sind alle notwendig.

Wir bauen alle am »Haus der lebendigen Steine« (1Petr 2,5) mit, aber eben auf ganz unterschiedliche Weise.

 

(5)  Identifikation mit einem Anliegen, einem Projekt, einer Institution geschieht über Partizipation.

Mitarbeit integriert. Wo ich mitmache, gehöre ich dazu.

Das, wovon ich Teil bin, kann so schlecht nicht sein („Eigengruppenbevorzugung“).

 

(6) Breite Partizipation und Identifikation setzt eine alle Milieus einbeziehende Ressourcen-Anamnese voraus:

Leitfragen:

Was können Sie gut?

Wo liegen die Ressourcen, die Sie in das Ganze einzubringen haben?

 

(7) Wertschätzung ist fundamentale Bedingung für Mitarbeiterakquise. Wertschätzung geschieht schon durch Differenzierung: In der differenzierenden Wahrnehmung liegt schon eine Wertschätzung der einzelnen Person (mit den für sie charakteristischen Prägungen und Begabungen).

 

(Ergänzt wurden die Thesen durch die Übersichten zu den 10 SINUS-Milieu, die sich finden in:

  • MDG-Milieuhandbuch 2013. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den SINUS-Milieus
  • Hempelmann et al. (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche, Neukirchen 2015)

 

 

 

 

 

 

Religion und Gewalt

Der Westen hat sich daran gewöhnt, „Religion“ als eine Gesellschaft und Staat tragende Institution der Nächstenliebe zu sehen. Ein radikaler, zu Gewalt bereiter und Gewalt ausübender Islam hat dieses Bild von „Religion“ in Frage gestellt und zwingt zur Ausdifferenzierung. Versuche, statt von Islam von Islamismus, also einer Abart von Islam, zu sprechen oder kritische Zugänge zum Islam generell als Diskreditierung dieser Religion zu werten, die doch dem Christentum gleich zu werten sei, sind heute einer völlig veränderten Perspektive gewichen. Langsam setzt sich das zwar nicht politisch , aber religionsgeschichtlich korrekte Bild durch, dass die von manchen liberalen Theoretikern als bloße Perversion von an sich friedfertiger Religion angesehenen salafistischen, dschihadistischen und speziell wahabitischen Formen von Islam weltweit gesehen in vielen Ländern Mainstream sind und nicht einfach als Perversion abgetan werden können. An die Stelle des ursprünglichen Appells, Islam nicht zu verunglimpfen und als weitere Variante von Religion neben dem Christentum zu sehen, tritt nun umgekehrt eine religionskritische Haltung auch gegenüber dem Christentum und seinen Institutionen wie Lehren. Unter dem Eindruck religiös motivierter Gewalt wird nun sehr pauschal nach dem Konfliktpotential monotheistischer Religionen insgesamt mit ihren universalen, exklusiven und absoluten Geltungsansprüchen gefragt (vgl. dazu Hempelmann: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Diskurse über Wahrheit, Dialog und Toleranz, Witten 2015, 510-565). Die Anfragen richten sich nun auch an den christlichen Glauben.

In meinem gerade erschienen Aufsatz gehe ich der Frage nach: „Religionen müssen tolerant sein. Können Sie tolerant sein? Dürfen sie es? Die Absolutheit religiöser Geltungsansprüche und das Problem der Gewalt im Namen Gottes“ (in: thbeitr 47. Jg. (2016), 268-284; download über meine homepage heinzpeter-hempelmann.de). Spannend ist natürlich die Frage, ob es möglich ist, der Herrschaftslogik von Religion zu entkommen oder ob auch christlicher Glaube der Logik des Dominieren-Müssens unterliegt.

Ebenda finden sich u.a. folgende zusammenfassenden Thesen:

[…]

(6) Postmoderne Religionskritik geht nicht auf die Inhalte, sondern auf die Wirkungen von Religion für das Zusammenleben von Menschen und Völkern.

(7) Kritisiert werden vor allem die universalen, absoluten und exklusiven Geltungsansprüche, die konkurrieren und konfliktträchtig sind. Dies schließt auch Formen von politischer Religion (Marxismus, Faschismus) mit ein.

(8) Diese – in der Sache – nicht toleranten Geltungsansprüche sind die Kehrseite einer  enormen Orientierungsleistung von Religion in weltanschaulicher und ethischer Hinsicht.

(9) Diese Geltungsansprüche müssen für ein westliches Denken fremdartig sein, das sich ja gerade durch die Domestizierung und Einhegung religiöser Überzeugungen und Imperative auszeichnet und definiert. Angemessene Reaktionen sind aber dennoch nur dort möglich, wo man das Fremde und Andersartige nicht nur auf der Basis der eigenen Kriterien und Denkweisen verwirft, sondern in seiner Logik zu verstehen sucht.

(10) Die verschiedenen Versuche, Religion zu domestizieren, die Reichweite ihres Anspruchs einzuschränken oder Toleranz nahe zu bringen, zeigen, dass hier nicht verstanden ist, wie Religion funktioniert und woraus sie lebt.

(11) Kennzeichnend für religiöses Denken ist eine Unbedingtheit, die einem Denken im doppelten Sinne „fernliegt“, das nur Thesen und Hypothesen, also prinzipiell überholbare Erkenntnisse kennt. Die Unbedingtheit religiöser Wahrheitsproklamation hat ihre Ursache in der unmittelbaren Begegnung mit einer Gottheit, in der Teilhabe an göttlicher Wahrheit oder gar in der Erfahrung von Überwältigung; diese Umstände lassen – zunächst jedenfalls – keine kritische Distanz oder Reflexion und schon gar keine Domestizierung zu.

(12) In religiösem Wahrheitsbewusstsein und kritisch-rationaler Toleranzforderung treffen mentale Welten aufeinander. Bedingt durch einen Denkansatz, der die Gottesfrage ausklammern muss, wenn er zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommen will, bleibt einem die Gottesfrage ausklammernden, instrumentellen, politisch motivierten Zugang der Kern von Religion verborgen. Mit C.H. Ratschow gesprochen: Religionen können ihrem Wesen nach nicht anders, als sich absolut zu gebärden: „Es kann […] nicht anders sein, als daß der Glaube die Übung seiner Religion als die Religion schlechthin ansieht. Der Glaube, der das nicht kann, ist kein Glaube. Dieses gläubige Wissen um Religion bringt es mit sich, daß jede Religion ein Wissen um ihre Schlechthinnigkeit hat. Es ist nicht wahr, daß es Religionen, wie z.B. der Hinduismus, gebe, die alles verstehen und alles für recht halten, was man dann Toleranz nennt. Die Religionen denken gar nicht dran. Auch Gandhi oder die modernen Hinduheiligen haben nicht daran gedacht.“

(13) Wo ein Gott begegnet, kann es zu absoluten Imperativen kommen. Die Beziehung zu Gott verpflichtet zu einer Loyalität, die alle anderen Verpflichtungen relativiert; sie führt zu einem Gehorsam, der alle anderen Rücksichtnahmen oder gleich Reflexionen unterläuft.

(14) Die Versuche, gegenüber gewalttätiger Religion an das Humanum zu appellieren, laufen ins Leere, weil sie Religion reduzieren und unterstellen, dass Religion eben dies im Grunde und eigentlich sei: eine – vielleicht mythische, aber rationalisierbare – Form der Humanitätsidee (Lessing).

(15) Religion ist ihrem Wesen nach intolerant. Gewaltanwendung und Intoleranz sind allerdings nicht religionsspezifisch. Sie sind in der „Absolutheit“ begründet, aus der sich Religionen begründen und in der sie gründen.

(16) Christliche Praxis wird nur dort vor Gewaltanwendung im Namen Gottes bewahrt, wo sie sich auf den Weg des Christus fokussiert und mit ihm seinen Weg geht. Womöglich ist dieser Weg der einzige, den ein religiöser Mensch gehen kann.

(17) Christliche Theologie, die ihr Fundament in Christus hat, sucht nicht sich selber zu fundamentieren und zu sichern. Sie verzichtet auf die Begründung von Gewalt, um sich durchzusetzen, und auf alle gewaltsamen Formen der Kommunikation.

(18) Christlicher Glaube ist zwar in der Sache nicht tolerant, er kann es nicht sein, sonst würde er sich selbst aufgeben, aber er macht tolerant und trägt durch die Einstellung erduldender und leidender Liebe zur Reduktion von Gewaltpotentialen bei.

Ökumenisches Echo

Der Kölner katholische Pastoraltheologe Frank Reintgen bemerkt in der jüngst erschienen letzten Nummer der Internet-Zeitschrift Futur2 im Rückblick auf katholische Erfahrungen mit der zunächst als revolutionär erfahrenen Milieu-Perspektive:

„Die Begegnung mit der (Sinus-) Milieu-Theorie ließ viele Gemeinden und Verantwortlichen in den letzten Jahren ratlos zurück. Aufmerksam geworden auf die unterschiedlichen Lebenswelten und die Ausdifferenzierung der Gesellschaft gelang es den meisten Gemeinden nicht, aus diesem Wissen konkrete Ideen und Projekte für die Pastoral abzuleiten. Gerade hier leistet auch der dritte Band der Reihe „Milieu und Kirche“ einen wichtigen Beitrag. Insbesondere der zweite, sehr praktisch orientierte Teil des Buches ist diesbezüglich höchst anregend. Wie schon im ersten Band der Reihe gelingt es den Herausgebern auch beim Themenfeld kirchliche Bestattung aufzuweisen, wie aus der Lebenswelttheorie konkrete Handlungsoptionen in der Pastoral abgeleitet werden können.“ 

Das ist ein besonders bemerkenswertes Lob von Seiten der älteren Schwester, die 10 lange Jahre, bevor evangelische Kirche und Theologie die Bedeutung des SINUS-Milieu-Modells für sich entdeckte, bereits eine erste Kirchenstudie auf der Basis des SINUS-Ansatzes erstellen ließ, die bis heute Wellen schlägt und ständig aktualisiert wird.
Auch im Bereich der Evang. Landeskirchen in Baden und Württemberg war die Zurückhaltung gegenüber diesem sozialwissenschaftlichen tool zunächst groß und die Pfarrerschaft zuerst regelrecht gespalten. Inzwischen ist die Perspektive an der Basis der beiden Landeskirchen angekommen und etabliert. Wichtig war dafür der von Anfang an deutliche Wille, zu zeigen, inwiefern die Lebensweltperspektive für die verschiedenen Felder kirchlichen Lebens eine Hilfe sein kann, und ebenso die gemeinsame Anstrengung der beiden südwestdeutschen Kirchen dieses neue Instrument breit zugänglich zu machen. Dazu haben wesentlich die drei von den Kirchenleitungen unterstützten und bisher erschienenen Bände in der Reihe „Kirche und Milieu“ (Neukirchen) beigetragen, ebenso der konzertierte Ankauf der Milieu-Daten für den Bereich der Landeskirchen und schließlich die regelmäßig stattfindenden sog. „Multiplikatoren-Schulungen“ für Milieuberater/innen. Diese sorgen dafür, dass mit den – teilweise sensiblen – Daten sorgfältig und sachkundig umgegangen wird und dass die Lebensweltperspektive in das Konzept der Gemeindeberatung integriert wird (vgl. Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, 2. Aufl. 2013).
.Es bleibt zu hoffen, dass auch die EKD(-Leitung) sich nicht länger diesem wichtigen Instrument verschließt. Nachdem die vierte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Anfang des 21. Jh.s programmatisch Lebensweltforschung (durch die Berücksichtigung wenigstens von Lebensstilen) integriert hatte, muss es befremden, dass dieser Ansatz in der neuesten, fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung nicht weitergeführt worden ist. Kann die Konkurrenz zu dem von der katholischen Schwesterkirche entdeckten SINUS-Milieu-Modell wirklich Grund genug sein, mit anderthalb Jahrzehnte alten Daten zu leben (für die empirische Sozialwissenschaft eine halbe Ewigkeit) und hinsichtlich lebensweltlicher Orientierung der eigenen Mitglieder quasi im Blindflug unterwegs zu sein? (Zum Vergleich von SINUS-Studie Evangelisch in Baden und Württemberg und V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vgl. Hempelmann: Kirchendistanz oder Indifferenz? Wie die Kirche von der Typologie der Lebensweltforschung profitieren kann. Ein kritischer Abgleich der Sinus-Studie für Baden-Württemberg mit der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in: ThBeitr 45 (2014), 284-303)

Gehört diakonisch aktiven Gemeinden die Zukunft?

Unter diesem Titel fand am 2. Novemberg in STuttgart Zuffenhausen eine Veranstaltung der „Denkfabrik. Forum für Menschen am Rande“ statt (siehe denkfabrik.neuearbeit.de). Heinzpeter Hempelmann, wissenschaftlicher Direktor des Tangens-Instituts für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung, hielt das Einführungsreferat (die Powerpointpräsentation kann herunter geladen werden über die homepage von Prof. Hempelmann: heinzpeter-hempelmann.de). Er machte deutlich, wie schwierig, ja prekär es ist,

  • über das prekäre Milieu zu reden,- zumal dann, wenn Betroffene da sind. Wie reden wir nicht nur übereinander, sondern miteinander?
  • vom prekären Milieu zu reden. Ist diese Qualifikation als „prekär“ nicht schon eine Diskriminierung der betreffenden Menschen? Oder ist es ein offenbar notwendiger Impuls, endlich wahrzunehmen, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft unter Umständen leben müssen, die nicht zumutbar sind? Müssen wir nicht von „prekär“ reden, um nichts zu beschönigen? Immerhin sind die Personen, die nach dem SINUS-Milieu-Modell dem Prekären Milieu zugeordnet werden, die einzigen, die ihre Lebenswelt unbedingt verlassen wollen;
  • die Ekelschranken und Distinktionsgrenzen hinüber und herüber zu artikulieren. Für postmateriell geprägte Christen verkörpern PRE nicht selten all das, was man als Christ nicht sein kann und sein soll (politisch, ökologisch, musikalisch, körpersprachlich, geschlechterspezifisch). 
  • Eine am Wort, an der Kognition, an Bildung orientierte protestantische Kirche steht zudem Menschen gegenüber, die zu solchermaßen geprägten Lebensräumen kaum einen Zugang finden können. Es wurde deutlich: Eine kognitiv bestimmte Kommunikationsweise schließt ebenso ein, wie andere aus. Kirche muss sich kommunikativ und von ihren Gemeinschaftsformaten her breiter aufstellen;
    • Menschen, die wir dem Prekären Milieu zuordnen, in Kirche beheimaten zu wollen. So ist Kirche soziokulturell für die Betroffenen primär der Ort, in dem man empfindet: „Hier gehöre ich nicht hin.“
  • die vorhandenen Distinktionsgrenzen einfach überschreiten zu wollen und eine Integration der prekären Lebenswelt in die meist bürgerlich-traditionsorientiert bestimmten Lebenswelten der durchschnittlichen Kirchengemeinden anzustreben. Müsste Kirche nicht bereit sein, ekklesiale Formate zu schaffen, die aus der Lebenswelt des „Prekären Milieus“ herauswachsen und seine Prägung berücksichtigen?

Die Veranstaltung soll im nächsten Jahr an anderer Stelle (vrsl. Heilbronn) wiederholt und weiter geführt werden. Auf der Homepage der Denkfabrik erscheint nächste Woche ein zusammenfassendes Interview.

(Vgl. zum Thema Prekäres Milieu“ und Kirche auch den Text im Download-Bereich der Homepage heinzpeter-hempelmann.de zum Prekären Milieu).