Kurs: Glaube, Gott, Gewalt – Muss sich unser Bild von Religion verändern?

Macht der Glaube an Gott intolerant? Verführt Religion zu Gewalt? Wie tolerant kann Religion eigentlich sein? Und wie verhalten sich eigentlich Wahrheit und (Nächsten-)Liebe als zwei religiöse Zentralwerte zueinander?
Kein Thema ist aktueller, kaum eines bedrängender. Wenn Nachrichten immer neu berichten, wie im Namen Gottes („Allahs“) schlimmste Gewaltexzesse passieren, stellt sich die Frage, ob Religion mit ihrem Festhalten an absoluten Werten und Überzeugungen – „der Wahrheit“ – nicht gefährlich ist (U. Beck), besonders im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft und einer immer weiter zusammenwachsenden „globalisierten“ Weltgesellschaft.

Unsere Themen
• Die Logik monotheistischer Religionen und ihr Gewaltpotential
• Toleranz in Christentum, Islam und Buddhismus
• Gewalttexte in Bibel und Koran: Auslegung, Wirkung, Fragen der Hermeneutik
• Brauchen wir eine „schwache Theologie“: zur gewaltfreien Kommunikation des Evangeliums

Unsere Referenten
• Dr. Friedmann Eißler, Pfarrer, promovierter Theologe, Referent bei der Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, zuständig als Fachreferent für „Islam und andere nichtchristliche Religionen, neue religiöse Bewegungen, östliche Spiritualität und den interreligiösen Dialog“. Er ist einer der führenden Islamkundler im Bereich der EKD und darüber hinaus.
• Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann, wiss. Referent für Fragen der Religionssoziologie und Kulturhermeneutik beim Oberkirchenrat der Evang. Landeskirche in Württemberg; Direktor des Tangens-Institutes

Veranstalter
Tangens-Institut für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung

Zeitraum
Beginn 19. Juni 2017 10.00 Uhr
Ende 21. Juni 2017 Abschluss mit Mittagessen

Ort
Zollernstraße 68
75328 Schömberg

Kosten
Tagungsbeitrag 90 €,
ermäßigter Beitrag 50 € auf Anfrage
optional: 50 € Verpflegung (alles außer Frühstück)
Übernachtung organisiert jeder selbst – nahe gelegene Übernachtungsmöglichkeiten gibt es z. B. in den Gästehäusern Monbachtal

Anerkennung
– für Studierende auf Wunsch Bescheinigung über erbrachte Studienleistungen (optional: Leistungsnachweis)
– Teilnahmebescheinigung für den hochschulzertifizierten Tangens-Kurs Religiöse Kommunikation in der Postmoderne

Anmeldung
werden in der Reihenfolge ihres Eingangs berücksichtigt. Der Kurs findet statt, wenn mindestens zehn Anmeldungen vorliegen. Informationen & Anmeldungen bis spätestens 01.06.2017: Zacharias.Shoukry@tabor.de

Kirche und „Prekäres Milieu“

(1)Das „Prekäre Milieu“ (PRE) ist das Milieu mit den durchschnittlich niedrigsten materiellen und Bildungsressourcen. Das PRE ist das einzige Milieu, das die ihm zugehörigen Menschen zu verlassen suchen. Menschen im PRE leben unter prekären Lebensverhältnissen, die nicht zu beschönigen sind.

(2)Personen, die dem PRE zuzurechnen sind, erfahren überdurchschnittlich viel Zurückweisung, Ausgrenzung und Abwehr.

(3)Anschauungen und Lebensweisen der PRE werden in der Kirche von tonangebender Seite als politisch nicht korrekt eingestuft. Ekelschranken werden auch von Seiten anderer Milieus in der Kirche aufgerichtet. Die in der Gesellschaft erfahrene Diskriminierung setzt sich in der Kirche fort.

(4)PRE nehmen Kirche ästhetisch als überaltert (traditionsfixiert) und sozial als Repräsentation der Lebenswelt wahr, in die sie gerne aufsteigen möchten.

(5) Kirche ist für PRE der fremde Ort, an den sie nicht gehören und dem sie sich nicht zugehörig wissen.

(6) Kirchlich gibt es vor allem einen diakonischen Berührungspunkt. Die oft als solche empfundene Barmherzigkeitsdiakonie steht aber im Widerspruch zu dem Selbstverständnis, stark und nicht hilfsbedürftig zu sein. Ärger und Frustration sind die Konsequenzen auf beiden Seiten.

(7) PRE stehen der Kirche nicht generell kritisch, wohl aber distanziert gegenüber. Kirche ist nicht ihre Welt.

(8) Kommunikationsversuche müssen die Goes wie die No-Goes beachten.

(9) Wichtig sind die universalen menschlichen Brücken Anerkennung, Wertschätzung, Förderung und Respekt.

(10) Touchpoints ergeben sich dort, wo Kirche der Lebensweltlogik des PRE entsprechend um Hilfe und Unterstützung bittet und dabei die spezifischen Begabungen und die spezielle Leistungsfähigkeit der Menschen im PRE berücksichtigt.

(11) Da auch die Kirchengemeinde vor Ort im Regelfall milieugebunden und –dominiert ist, ist der Wunsch, Menschen aus dem PRE in die Kerngemeinde zu integrieren, kritisch zu bewerten.

(12) Erfolgversprechend sind lokal orientierte Gemeinden (LoKs), die aus der Lebenswelt herauswachsen. Da das PRE auch umgekehrt für Traditionelle (TRA), Sozialökologische (SÖK) und Bürgerliche Mitte (BÜM) eine andere Welt bedeutet, sind Brückenpersonen wichtig, die zwischen den Lebenswelten vermitteln können und dadurch Überforderungen zu vermeiden helfen.

Milieusensible Jugendarbeit

Vom 5.-7. Dezember fand in Kassel die Referententagung des deutschen EC-Verbandes statt. Spannend ist schon der Sachverhalt, dass dieser evangelikal und früher traditionsorientierte Jugendverband sich für drei Tage das Thema „Milieusensible Jugendarbeit“ gegeben hatte.

Vor allem viererlei wurde thematisiert und deutlich:

  • Jugendarbeit geschieht weitgehend milieuverengt. Es dominiert immer noch eine Vorstellung von der Jugend. In größeren Städten gibt es gezielte Versuche der Milieuüberschreitung. Prägend sind die Gemeinden und – Gnadauer – Gemeinschaften, in deren Auftrag Jugendarbeit geschieht und die diese Arbeitszweige auch finanzieren.
  • Spannend ist ein Blick auf die hauseigene geistliche Verpflichtung, in der Werte der Kontinuität, Treue, Verpflichtung und Konstanz dominieren. Hilfreich und weitere Zielgruppen gewinnend wären Formulierungen, die das Thema Nachfolge aus einer anderen Mindset-Perspektive alternativ erschließen etwa im Sinne der Wertschätzung von Aufbruch, Flexibilität, Mobilität, Innovation und Kreativität.
  • Verständlich und dominant ist die Erwartung, dass die Jugendlichen, die gewonnen werden, in die bestehenden Gemeinden integriert werden und diese verstärken, sowie deren Fortbestand sichern. An dieser Stelle bot die Lebensweltperspektive die Möglichkeit, einen ohnehin schon bestehenden Eindruck zu präzisieren und zu verstärken: Die mentale Differenz zwischen den bestehenden Gemeinden und Gemeinschaften und den Jugendgruppen ist so groß, dass eine Brücke vielfach nicht möglich scheint.
  • Die Überlegung liegt nahe, in Analogie und Aufnahme des Jugendkirchen-Konzeptes Gemeinde- und Gemeinschaftsformen eigenen Formats anzubieten, um jungen Menschen eine geistliche Heimat zu geben, die sie sehr häufig in den bestehenden Formaten nicht finden. Das stellt allerdings vor erhebliche politische und administrative Herausforderungen.

Ehrenamtliches Engagement aus lebensweltlicher Sicht

Was trägt die Milieuperspektive für die Gewinnung ehrenamtlicher Mitarbeiter aus?

Zu diesem Thema fand am 21. November 2016 im Bistum Aachen ein Studientag statt, an dem ich u. a. die anhängenden Thesen („Sieben Grundsätze“) vorgetragen habe.

Ziel der Überlegungen war es, drei Perspektiven in Verbindung zu bringen bzw. in ihrem Zusammenhang zu entdecken:

  • die unterschiedliche lebensweltliche Prägung der Menschen, die Kirche, speziell ihre Hauptamtlichen, für die Mitarbeit gewinnen will,
  • die Bedürfnisse der Institution Kirche, die für ihre verschiedenen Arbeitsfelder – teilweise händeringend – nach Mitarbeitern sucht und – so eine weit verbreitete Erfahrung – immer schwieriger welche gewinnt, und
  • die theologische Perspektive auf Kirche als Organismus, mit Paulus: als Leib (1. Korinther 12), dessen Funktionieren vom Zusammenwirken unterschiedlichster Gaben abhängt.

Kernthese 1: Kirchenmitglieder sind heute nicht einfach weniger bereit, mitzuarbeiten. Moralische Urteile verbieten sich. Das Problem liegt nicht in mangelnder Bereitschaft zur Mitarbeit. Das Problem liegt darin, dass die Kirche sich nicht auf die veränderte und breitere Prägung ihrer Mitglieder einstellt.

Kernthese 2: Mitgliederakquise ist auch heute da erfolgreich, wo Kirche von den Menschen her denkt, die sie gewinnen will, und nicht primär von ihren (institutionellen) Bedürfnissen her. Menschen wollen selbst Zwecke sein und nicht „verzweckt“ werden.

Kernthese 3: Beim Prozess der Gewinnung von Mitarbeitern treffen Individuum und Kollektiv, individuelle Wünsche und Bedürfnisse des institutionell organisierten Kollektivs aufeinander.  Es kann helfen, diesen Zusammenhang im Rahmen der Charismenorientierung des Paulus in 1. Kor 12 zu denken. Wir brauchen einander und engagieren uns, aber eben nach Maßgabe der Gaben, milieutheoretisch: der lebensweltlichen Prägungen und Logiken, die wir jeweils mitbringen.

Es zeigte sich, dass eine so gewendete Fragestellung nicht nur neue Potentiale erschließt, sondern das Zeug dazu hat, auch kirchenreformerische Akzente zu setzen. Theologisch gefragt: Was sind denn die Gaben und Begabungen, die Prägungen und Interessen der Menschen, auf die wir vor Ort in den Gemeinden treffen? Wenn wir von ihnen her denken, müssen wir dann nicht traditionelle Erwartungen, Wünsche und Institutionen (für die sich womöglich gar niemand mehr findet) auch zu überdenken bereit sein?

 

Sieben Grundsätze:

(1) Wir wollen Menschen gewinnen zur Mitarbeit. Dafür müssen wir von ihnen her denken:

Mitarbeit muss – für sie  – »passen«;

Mitarbeit muss etwas – für sie  – bedeuten.

Es muss – für sie  – ein individueller Benefit  erkennbar sein.

 

(2) Auch wir möchten uns entlang unseren Begabungen und Stärken einsetzen.

Nahezu jeder macht gerne mit, wenn er zeigen kann, was er kann.

Nahezu niemand ist so masochistisch veranlagt, dass er mitmacht, wenn abzusehen ist, dass man sich blamiert; nicht so gut dasteht; versagt oder auch nur schlechtes Mittelmaß ist.

 

(3) In der Mitarbeit begegnen sich Individuum (mit seinen Begabungen) und Kollektiv (mit seinen Anforderungen !). Die Botschaft: Begabungen  unterscheiden sich, werden aber alle gebraucht.

Im Idealfall ergänzen sie sich im Sinne des Reichtums des Leibes Christi (1Kor 12).

Wir haben hier mitten im Neuen Testament eine Anweisung, Stärken und Gaben wie Begabungen wahrzunehmen und zu nutzen.

Paulus leitet dazu an, diese (1) zu differenzieren und (2) alle wertzuschätzen.

 

(4) Lebensweltperspektive hilft zu einer positiven Sicht der unterschiedlichen Prägungen: Milieuprägungen sind Begabungen (die dem Ganzen dienen).

Es gibt kein „wichtig“ oder „unwichtig“. Für den Organismus sind alle notwendig.

Wir bauen alle am »Haus der lebendigen Steine« (1Petr 2,5) mit, aber eben auf ganz unterschiedliche Weise.

 

(5)  Identifikation mit einem Anliegen, einem Projekt, einer Institution geschieht über Partizipation.

Mitarbeit integriert. Wo ich mitmache, gehöre ich dazu.

Das, wovon ich Teil bin, kann so schlecht nicht sein („Eigengruppenbevorzugung“).

 

(6) Breite Partizipation und Identifikation setzt eine alle Milieus einbeziehende Ressourcen-Anamnese voraus:

Leitfragen:

Was können Sie gut?

Wo liegen die Ressourcen, die Sie in das Ganze einzubringen haben?

 

(7) Wertschätzung ist fundamentale Bedingung für Mitarbeiterakquise. Wertschätzung geschieht schon durch Differenzierung: In der differenzierenden Wahrnehmung liegt schon eine Wertschätzung der einzelnen Person (mit den für sie charakteristischen Prägungen und Begabungen).

 

(Ergänzt wurden die Thesen durch die Übersichten zu den 10 SINUS-Milieu, die sich finden in:

  • MDG-Milieuhandbuch 2013. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den SINUS-Milieus
  • Hempelmann et al. (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche, Neukirchen 2015)

 

 

 

 

 

 

Religion und Gewalt

Der Westen hat sich daran gewöhnt, „Religion“ als eine Gesellschaft und Staat tragende Institution der Nächstenliebe zu sehen. Ein radikaler, zu Gewalt bereiter und Gewalt ausübender Islam hat dieses Bild von „Religion“ in Frage gestellt und zwingt zur Ausdifferenzierung. Versuche, statt von Islam von Islamismus, also einer Abart von Islam, zu sprechen oder kritische Zugänge zum Islam generell als Diskreditierung dieser Religion zu werten, die doch dem Christentum gleich zu werten sei, sind heute einer völlig veränderten Perspektive gewichen. Langsam setzt sich das zwar nicht politisch , aber religionsgeschichtlich korrekte Bild durch, dass die von manchen liberalen Theoretikern als bloße Perversion von an sich friedfertiger Religion angesehenen salafistischen, dschihadistischen und speziell wahabitischen Formen von Islam weltweit gesehen in vielen Ländern Mainstream sind und nicht einfach als Perversion abgetan werden können. An die Stelle des ursprünglichen Appells, Islam nicht zu verunglimpfen und als weitere Variante von Religion neben dem Christentum zu sehen, tritt nun umgekehrt eine religionskritische Haltung auch gegenüber dem Christentum und seinen Institutionen wie Lehren. Unter dem Eindruck religiös motivierter Gewalt wird nun sehr pauschal nach dem Konfliktpotential monotheistischer Religionen insgesamt mit ihren universalen, exklusiven und absoluten Geltungsansprüchen gefragt (vgl. dazu Hempelmann: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Diskurse über Wahrheit, Dialog und Toleranz, Witten 2015, 510-565). Die Anfragen richten sich nun auch an den christlichen Glauben.

In meinem gerade erschienen Aufsatz gehe ich der Frage nach: „Religionen müssen tolerant sein. Können Sie tolerant sein? Dürfen sie es? Die Absolutheit religiöser Geltungsansprüche und das Problem der Gewalt im Namen Gottes“ (in: thbeitr 47. Jg. (2016), 268-284; download über meine homepage heinzpeter-hempelmann.de). Spannend ist natürlich die Frage, ob es möglich ist, der Herrschaftslogik von Religion zu entkommen oder ob auch christlicher Glaube der Logik des Dominieren-Müssens unterliegt.

Ebenda finden sich u.a. folgende zusammenfassenden Thesen:

[…]

(6) Postmoderne Religionskritik geht nicht auf die Inhalte, sondern auf die Wirkungen von Religion für das Zusammenleben von Menschen und Völkern.

(7) Kritisiert werden vor allem die universalen, absoluten und exklusiven Geltungsansprüche, die konkurrieren und konfliktträchtig sind. Dies schließt auch Formen von politischer Religion (Marxismus, Faschismus) mit ein.

(8) Diese – in der Sache – nicht toleranten Geltungsansprüche sind die Kehrseite einer  enormen Orientierungsleistung von Religion in weltanschaulicher und ethischer Hinsicht.

(9) Diese Geltungsansprüche müssen für ein westliches Denken fremdartig sein, das sich ja gerade durch die Domestizierung und Einhegung religiöser Überzeugungen und Imperative auszeichnet und definiert. Angemessene Reaktionen sind aber dennoch nur dort möglich, wo man das Fremde und Andersartige nicht nur auf der Basis der eigenen Kriterien und Denkweisen verwirft, sondern in seiner Logik zu verstehen sucht.

(10) Die verschiedenen Versuche, Religion zu domestizieren, die Reichweite ihres Anspruchs einzuschränken oder Toleranz nahe zu bringen, zeigen, dass hier nicht verstanden ist, wie Religion funktioniert und woraus sie lebt.

(11) Kennzeichnend für religiöses Denken ist eine Unbedingtheit, die einem Denken im doppelten Sinne „fernliegt“, das nur Thesen und Hypothesen, also prinzipiell überholbare Erkenntnisse kennt. Die Unbedingtheit religiöser Wahrheitsproklamation hat ihre Ursache in der unmittelbaren Begegnung mit einer Gottheit, in der Teilhabe an göttlicher Wahrheit oder gar in der Erfahrung von Überwältigung; diese Umstände lassen – zunächst jedenfalls – keine kritische Distanz oder Reflexion und schon gar keine Domestizierung zu.

(12) In religiösem Wahrheitsbewusstsein und kritisch-rationaler Toleranzforderung treffen mentale Welten aufeinander. Bedingt durch einen Denkansatz, der die Gottesfrage ausklammern muss, wenn er zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommen will, bleibt einem die Gottesfrage ausklammernden, instrumentellen, politisch motivierten Zugang der Kern von Religion verborgen. Mit C.H. Ratschow gesprochen: Religionen können ihrem Wesen nach nicht anders, als sich absolut zu gebärden: „Es kann […] nicht anders sein, als daß der Glaube die Übung seiner Religion als die Religion schlechthin ansieht. Der Glaube, der das nicht kann, ist kein Glaube. Dieses gläubige Wissen um Religion bringt es mit sich, daß jede Religion ein Wissen um ihre Schlechthinnigkeit hat. Es ist nicht wahr, daß es Religionen, wie z.B. der Hinduismus, gebe, die alles verstehen und alles für recht halten, was man dann Toleranz nennt. Die Religionen denken gar nicht dran. Auch Gandhi oder die modernen Hinduheiligen haben nicht daran gedacht.“

(13) Wo ein Gott begegnet, kann es zu absoluten Imperativen kommen. Die Beziehung zu Gott verpflichtet zu einer Loyalität, die alle anderen Verpflichtungen relativiert; sie führt zu einem Gehorsam, der alle anderen Rücksichtnahmen oder gleich Reflexionen unterläuft.

(14) Die Versuche, gegenüber gewalttätiger Religion an das Humanum zu appellieren, laufen ins Leere, weil sie Religion reduzieren und unterstellen, dass Religion eben dies im Grunde und eigentlich sei: eine – vielleicht mythische, aber rationalisierbare – Form der Humanitätsidee (Lessing).

(15) Religion ist ihrem Wesen nach intolerant. Gewaltanwendung und Intoleranz sind allerdings nicht religionsspezifisch. Sie sind in der „Absolutheit“ begründet, aus der sich Religionen begründen und in der sie gründen.

(16) Christliche Praxis wird nur dort vor Gewaltanwendung im Namen Gottes bewahrt, wo sie sich auf den Weg des Christus fokussiert und mit ihm seinen Weg geht. Womöglich ist dieser Weg der einzige, den ein religiöser Mensch gehen kann.

(17) Christliche Theologie, die ihr Fundament in Christus hat, sucht nicht sich selber zu fundamentieren und zu sichern. Sie verzichtet auf die Begründung von Gewalt, um sich durchzusetzen, und auf alle gewaltsamen Formen der Kommunikation.

(18) Christlicher Glaube ist zwar in der Sache nicht tolerant, er kann es nicht sein, sonst würde er sich selbst aufgeben, aber er macht tolerant und trägt durch die Einstellung erduldender und leidender Liebe zur Reduktion von Gewaltpotentialen bei.