Religion und Gewalt

Der Westen hat sich daran gewöhnt, „Religion“ als eine Gesellschaft und Staat tragende Institution der Nächstenliebe zu sehen. Ein radikaler, zu Gewalt bereiter und Gewalt ausübender Islam hat dieses Bild von „Religion“ in Frage gestellt und zwingt zur Ausdifferenzierung. Versuche, statt von Islam von Islamismus, also einer Abart von Islam, zu sprechen oder kritische Zugänge zum Islam generell als Diskreditierung dieser Religion zu werten, die doch dem Christentum gleich zu werten sei, sind heute einer völlig veränderten Perspektive gewichen. Langsam setzt sich das zwar nicht politisch , aber religionsgeschichtlich korrekte Bild durch, dass die von manchen liberalen Theoretikern als bloße Perversion von an sich friedfertiger Religion angesehenen salafistischen, dschihadistischen und speziell wahabitischen Formen von Islam weltweit gesehen in vielen Ländern Mainstream sind und nicht einfach als Perversion abgetan werden können. An die Stelle des ursprünglichen Appells, Islam nicht zu verunglimpfen und als weitere Variante von Religion neben dem Christentum zu sehen, tritt nun umgekehrt eine religionskritische Haltung auch gegenüber dem Christentum und seinen Institutionen wie Lehren. Unter dem Eindruck religiös motivierter Gewalt wird nun sehr pauschal nach dem Konfliktpotential monotheistischer Religionen insgesamt mit ihren universalen, exklusiven und absoluten Geltungsansprüchen gefragt (vgl. dazu Hempelmann: „Stürzen wir nicht fortwährend?“ Diskurse über Wahrheit, Dialog und Toleranz, Witten 2015, 510-565). Die Anfragen richten sich nun auch an den christlichen Glauben.

In meinem gerade erschienen Aufsatz gehe ich der Frage nach: „Religionen müssen tolerant sein. Können Sie tolerant sein? Dürfen sie es? Die Absolutheit religiöser Geltungsansprüche und das Problem der Gewalt im Namen Gottes“ (in: thbeitr 47. Jg. (2016), 268-284; download über meine homepage heinzpeter-hempelmann.de). Spannend ist natürlich die Frage, ob es möglich ist, der Herrschaftslogik von Religion zu entkommen oder ob auch christlicher Glaube der Logik des Dominieren-Müssens unterliegt.

Ebenda finden sich u.a. folgende zusammenfassenden Thesen:

[…]

(6) Postmoderne Religionskritik geht nicht auf die Inhalte, sondern auf die Wirkungen von Religion für das Zusammenleben von Menschen und Völkern.

(7) Kritisiert werden vor allem die universalen, absoluten und exklusiven Geltungsansprüche, die konkurrieren und konfliktträchtig sind. Dies schließt auch Formen von politischer Religion (Marxismus, Faschismus) mit ein.

(8) Diese – in der Sache – nicht toleranten Geltungsansprüche sind die Kehrseite einer  enormen Orientierungsleistung von Religion in weltanschaulicher und ethischer Hinsicht.

(9) Diese Geltungsansprüche müssen für ein westliches Denken fremdartig sein, das sich ja gerade durch die Domestizierung und Einhegung religiöser Überzeugungen und Imperative auszeichnet und definiert. Angemessene Reaktionen sind aber dennoch nur dort möglich, wo man das Fremde und Andersartige nicht nur auf der Basis der eigenen Kriterien und Denkweisen verwirft, sondern in seiner Logik zu verstehen sucht.

(10) Die verschiedenen Versuche, Religion zu domestizieren, die Reichweite ihres Anspruchs einzuschränken oder Toleranz nahe zu bringen, zeigen, dass hier nicht verstanden ist, wie Religion funktioniert und woraus sie lebt.

(11) Kennzeichnend für religiöses Denken ist eine Unbedingtheit, die einem Denken im doppelten Sinne „fernliegt“, das nur Thesen und Hypothesen, also prinzipiell überholbare Erkenntnisse kennt. Die Unbedingtheit religiöser Wahrheitsproklamation hat ihre Ursache in der unmittelbaren Begegnung mit einer Gottheit, in der Teilhabe an göttlicher Wahrheit oder gar in der Erfahrung von Überwältigung; diese Umstände lassen – zunächst jedenfalls – keine kritische Distanz oder Reflexion und schon gar keine Domestizierung zu.

(12) In religiösem Wahrheitsbewusstsein und kritisch-rationaler Toleranzforderung treffen mentale Welten aufeinander. Bedingt durch einen Denkansatz, der die Gottesfrage ausklammern muss, wenn er zu wissenschaftlichen Ergebnissen kommen will, bleibt einem die Gottesfrage ausklammernden, instrumentellen, politisch motivierten Zugang der Kern von Religion verborgen. Mit C.H. Ratschow gesprochen: Religionen können ihrem Wesen nach nicht anders, als sich absolut zu gebärden: „Es kann […] nicht anders sein, als daß der Glaube die Übung seiner Religion als die Religion schlechthin ansieht. Der Glaube, der das nicht kann, ist kein Glaube. Dieses gläubige Wissen um Religion bringt es mit sich, daß jede Religion ein Wissen um ihre Schlechthinnigkeit hat. Es ist nicht wahr, daß es Religionen, wie z.B. der Hinduismus, gebe, die alles verstehen und alles für recht halten, was man dann Toleranz nennt. Die Religionen denken gar nicht dran. Auch Gandhi oder die modernen Hinduheiligen haben nicht daran gedacht.“

(13) Wo ein Gott begegnet, kann es zu absoluten Imperativen kommen. Die Beziehung zu Gott verpflichtet zu einer Loyalität, die alle anderen Verpflichtungen relativiert; sie führt zu einem Gehorsam, der alle anderen Rücksichtnahmen oder gleich Reflexionen unterläuft.

(14) Die Versuche, gegenüber gewalttätiger Religion an das Humanum zu appellieren, laufen ins Leere, weil sie Religion reduzieren und unterstellen, dass Religion eben dies im Grunde und eigentlich sei: eine – vielleicht mythische, aber rationalisierbare – Form der Humanitätsidee (Lessing).

(15) Religion ist ihrem Wesen nach intolerant. Gewaltanwendung und Intoleranz sind allerdings nicht religionsspezifisch. Sie sind in der „Absolutheit“ begründet, aus der sich Religionen begründen und in der sie gründen.

(16) Christliche Praxis wird nur dort vor Gewaltanwendung im Namen Gottes bewahrt, wo sie sich auf den Weg des Christus fokussiert und mit ihm seinen Weg geht. Womöglich ist dieser Weg der einzige, den ein religiöser Mensch gehen kann.

(17) Christliche Theologie, die ihr Fundament in Christus hat, sucht nicht sich selber zu fundamentieren und zu sichern. Sie verzichtet auf die Begründung von Gewalt, um sich durchzusetzen, und auf alle gewaltsamen Formen der Kommunikation.

(18) Christlicher Glaube ist zwar in der Sache nicht tolerant, er kann es nicht sein, sonst würde er sich selbst aufgeben, aber er macht tolerant und trägt durch die Einstellung erduldender und leidender Liebe zur Reduktion von Gewaltpotentialen bei.

Ökumenisches Echo

Der Kölner katholische Pastoraltheologe Frank Reintgen bemerkt in der jüngst erschienen letzten Nummer der Internet-Zeitschrift Futur2 im Rückblick auf katholische Erfahrungen mit der zunächst als revolutionär erfahrenen Milieu-Perspektive:

„Die Begegnung mit der (Sinus-) Milieu-Theorie ließ viele Gemeinden und Verantwortlichen in den letzten Jahren ratlos zurück. Aufmerksam geworden auf die unterschiedlichen Lebenswelten und die Ausdifferenzierung der Gesellschaft gelang es den meisten Gemeinden nicht, aus diesem Wissen konkrete Ideen und Projekte für die Pastoral abzuleiten. Gerade hier leistet auch der dritte Band der Reihe „Milieu und Kirche“ einen wichtigen Beitrag. Insbesondere der zweite, sehr praktisch orientierte Teil des Buches ist diesbezüglich höchst anregend. Wie schon im ersten Band der Reihe gelingt es den Herausgebern auch beim Themenfeld kirchliche Bestattung aufzuweisen, wie aus der Lebenswelttheorie konkrete Handlungsoptionen in der Pastoral abgeleitet werden können.“ 

Das ist ein besonders bemerkenswertes Lob von Seiten der älteren Schwester, die 10 lange Jahre, bevor evangelische Kirche und Theologie die Bedeutung des SINUS-Milieu-Modells für sich entdeckte, bereits eine erste Kirchenstudie auf der Basis des SINUS-Ansatzes erstellen ließ, die bis heute Wellen schlägt und ständig aktualisiert wird.
Auch im Bereich der Evang. Landeskirchen in Baden und Württemberg war die Zurückhaltung gegenüber diesem sozialwissenschaftlichen tool zunächst groß und die Pfarrerschaft zuerst regelrecht gespalten. Inzwischen ist die Perspektive an der Basis der beiden Landeskirchen angekommen und etabliert. Wichtig war dafür der von Anfang an deutliche Wille, zu zeigen, inwiefern die Lebensweltperspektive für die verschiedenen Felder kirchlichen Lebens eine Hilfe sein kann, und ebenso die gemeinsame Anstrengung der beiden südwestdeutschen Kirchen dieses neue Instrument breit zugänglich zu machen. Dazu haben wesentlich die drei von den Kirchenleitungen unterstützten und bisher erschienenen Bände in der Reihe „Kirche und Milieu“ (Neukirchen) beigetragen, ebenso der konzertierte Ankauf der Milieu-Daten für den Bereich der Landeskirchen und schließlich die regelmäßig stattfindenden sog. „Multiplikatoren-Schulungen“ für Milieuberater/innen. Diese sorgen dafür, dass mit den – teilweise sensiblen – Daten sorgfältig und sachkundig umgegangen wird und dass die Lebensweltperspektive in das Konzept der Gemeindeberatung integriert wird (vgl. Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen, 2. Aufl. 2013).
.Es bleibt zu hoffen, dass auch die EKD(-Leitung) sich nicht länger diesem wichtigen Instrument verschließt. Nachdem die vierte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung Anfang des 21. Jh.s programmatisch Lebensweltforschung (durch die Berücksichtigung wenigstens von Lebensstilen) integriert hatte, muss es befremden, dass dieser Ansatz in der neuesten, fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung nicht weitergeführt worden ist. Kann die Konkurrenz zu dem von der katholischen Schwesterkirche entdeckten SINUS-Milieu-Modell wirklich Grund genug sein, mit anderthalb Jahrzehnte alten Daten zu leben (für die empirische Sozialwissenschaft eine halbe Ewigkeit) und hinsichtlich lebensweltlicher Orientierung der eigenen Mitglieder quasi im Blindflug unterwegs zu sein? (Zum Vergleich von SINUS-Studie Evangelisch in Baden und Württemberg und V. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung vgl. Hempelmann: Kirchendistanz oder Indifferenz? Wie die Kirche von der Typologie der Lebensweltforschung profitieren kann. Ein kritischer Abgleich der Sinus-Studie für Baden-Württemberg mit der 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, in: ThBeitr 45 (2014), 284-303)

Gehört diakonisch aktiven Gemeinden die Zukunft?

Unter diesem Titel fand am 2. Novemberg in STuttgart Zuffenhausen eine Veranstaltung der „Denkfabrik. Forum für Menschen am Rande“ statt (siehe denkfabrik.neuearbeit.de). Heinzpeter Hempelmann, wissenschaftlicher Direktor des Tangens-Instituts für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung, hielt das Einführungsreferat (die Powerpointpräsentation kann herunter geladen werden über die homepage von Prof. Hempelmann: heinzpeter-hempelmann.de). Er machte deutlich, wie schwierig, ja prekär es ist,

  • über das prekäre Milieu zu reden,- zumal dann, wenn Betroffene da sind. Wie reden wir nicht nur übereinander, sondern miteinander?
  • vom prekären Milieu zu reden. Ist diese Qualifikation als „prekär“ nicht schon eine Diskriminierung der betreffenden Menschen? Oder ist es ein offenbar notwendiger Impuls, endlich wahrzunehmen, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft unter Umständen leben müssen, die nicht zumutbar sind? Müssen wir nicht von „prekär“ reden, um nichts zu beschönigen? Immerhin sind die Personen, die nach dem SINUS-Milieu-Modell dem Prekären Milieu zugeordnet werden, die einzigen, die ihre Lebenswelt unbedingt verlassen wollen;
  • die Ekelschranken und Distinktionsgrenzen hinüber und herüber zu artikulieren. Für postmateriell geprägte Christen verkörpern PRE nicht selten all das, was man als Christ nicht sein kann und sein soll (politisch, ökologisch, musikalisch, körpersprachlich, geschlechterspezifisch). 
  • Eine am Wort, an der Kognition, an Bildung orientierte protestantische Kirche steht zudem Menschen gegenüber, die zu solchermaßen geprägten Lebensräumen kaum einen Zugang finden können. Es wurde deutlich: Eine kognitiv bestimmte Kommunikationsweise schließt ebenso ein, wie andere aus. Kirche muss sich kommunikativ und von ihren Gemeinschaftsformaten her breiter aufstellen;
    • Menschen, die wir dem Prekären Milieu zuordnen, in Kirche beheimaten zu wollen. So ist Kirche soziokulturell für die Betroffenen primär der Ort, in dem man empfindet: „Hier gehöre ich nicht hin.“
  • die vorhandenen Distinktionsgrenzen einfach überschreiten zu wollen und eine Integration der prekären Lebenswelt in die meist bürgerlich-traditionsorientiert bestimmten Lebenswelten der durchschnittlichen Kirchengemeinden anzustreben. Müsste Kirche nicht bereit sein, ekklesiale Formate zu schaffen, die aus der Lebenswelt des „Prekären Milieus“ herauswachsen und seine Prägung berücksichtigen?

Die Veranstaltung soll im nächsten Jahr an anderer Stelle (vrsl. Heilbronn) wiederholt und weiter geführt werden. Auf der Homepage der Denkfabrik erscheint nächste Woche ein zusammenfassendes Interview.

(Vgl. zum Thema Prekäres Milieu“ und Kirche auch den Text im Download-Bereich der Homepage heinzpeter-hempelmann.de zum Prekären Milieu).

 

Kurs: Kirche und Milieu

Wie Kirche und Christen von der Lebensweltperspektive profitieren können

Unsere Gesellschaft säkularisiert und segmentiert sich zunehmend. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Kirche. Auch in ihr finden sich die unterschiedlichsten Lebenswelten.

Die Segmentierung von Gesellschaft und Kirche stellt vor enorme Kommunikationsherausforderungen. Milieus stellen eigene Lebenswelten dar. Sie sind durch tiefgehende Schranken von anderen getrennt. Oft dominiert in einer Gemeinschaft ein bestimmtes Milieu, das andere ausgrenzt. Der Kurs hilft, die Probleme zunächst zu identifizieren, und leitet in durchgehendem Praxisbezug zu Lösungen an.

Veranstalter:        

Tangens-Institut für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung

Zeitraum:  

Beginn 4.April 2017 um 12.30 (Mittagessen)
Ende 6. April 2017 um 17.00

Ort:          

Evangelische Hochschule Tabor, Dürerstraße 43, 35039 Marburg

Referenten:

Peter Martin Thomas, Leiter der SINUS-Akademie,
Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann, wiss. Direktor von Tangens

Kosten:                      

150 € für Verdiener

80 € für Studierende

50 € für Nicht-Verdiener

 

(ohne Übernachtung und ohne Mahlzeiten – Übernachtungsplätze sind im Hostel One am Marburger Hbf reserviert, Mahlzeiten können am Veranstaltungsort in der Studien- und Lebensgemeinschaft gebucht werden)

Anerkennung:          

-für Studierende auf Wunsch Bescheinigung über erbrachte Studienleistungen (optional: Leistungsnachweis)

-Teilnahmebescheinigung für den hochschulzertifizierten Tangens-Kurs religiöse Kommunikation in der Postmoderne

Anmeldungen   

werden in der Reihenfolge ihres Eingangs berücksichtigt. Der Kurs findet statt, wenn mindestens zehn Anmeldungen vorliegen. Anmelden bis spätestens 29.01.2017 an Zacharias.Shoukry@tabor.de oder auf http://eh-tabor.de/de/termine/kirche-und-milieu

 

Kurs: Milieusensible Gemeinde- und speziell Jugendarbeit

  • 18.-20. Oktober 2016
  • Tagungsort Marburg, Evangelische Hochschule Tabor
  • Programm:
    1. Einführung in die Lebensweltforschung und das SINUS-Milieu-Modell
    2. Grundanliegen einer milieusensiblen Gemeinde- und Jugendarbeit
    3. Die Lebenswelten Jugendlicher: Einsichten der SINUS-Jugendforschung und der Shell-Studie, Konsequenzen für die Arbeit mit Jugendlichen
  • Referenten: Peter Martin Thomas, Leiter der SINUS-Akademie, Diplompädagoge, Supervisor, Organisationsberater; einer der Fachleute, die die SINUS-Jugendstudien verantwortet haben; Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann, Religionsphilosoph, wiss. Direktor des Tangens-Institutes und wissenschaftlicher Berater der Studie „Evangelisch in Baden und Württemberg“
  • Kosten: 180€ Kursgebühr
  • Akademische Validität:
    • Im Rahmen eines MA-Studiums an der EHT werden unter Voraussetzung entsprechender begleitender akademischer Leistungen 2 ECTS anerkannt;
    • Anerkennung im Rahmen des hochschulzertifizierten Kurses „Religiose Kommunikation in der (Post-)Moderne“
  • Veranstalter: Tangens-Institut für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung
  • Unterbringung und Verpflegung kann an der Evangelischen Hochschule Tabor selber gebucht werden. Information & Anmeldung: Shoukry@tabor.de (Der Kurs findet statt, wenn mindestens 5 Anmeldungen vorliegen.)
  • Anmeldefrist bis zum 18. September 2016.

Wie kann Kirche Ehrenamtliche gewinnen?

Wie kann Kirche Ehrenamtliche gewinnen?

Zu dem anspruchsvollen Fortbildungsprogramm, dass die beiden südwestdeutschen Kirchen in Baden und Württemberg in Verbindung mit der SINUS-Akademie (Peter Martin Thomas) und dem Tangens-Institut für Kulturhermeneutik und Lebensweltforschung (Heinzpeter Hempelmann) etabliert haben, gehören neben den halbjährlich stattfindenden Multiplikatorenschulungen für Milieuberater/innen auch Studientage. Diese suchen die Lebensweltperspektive für spezielle Fragen fruchtbar zu machen.

Am 7.7.2016 fand im Forum Hohenwart eine Begegnung statt, deren Thema „Motivieren zum Ehrenamt“ neben Theologen auch „ganz normale Menschen“ und neben Schwaben und Badenern auch Interessierte von weiterher angezogen hat. Bemerkens- und berichtenswert ist aus meiner Sicht:

  • Das starke Echo zeigt, wie sehr hier den Kirchen, und wie die Aussprache deutlich machte, auch anderen gesellschaftlichen Institutionen der Kittel brennt. Einerseits funktionieren viele Bereiche in unserer Gesellschaft nicht ohne Mitarbeit von Ehrenamtlichen, andererseits wird es immer schwerer, Menschen fürs ehrenamtliche Engagement zu gewinnen. Präziser gesprochen: Menschen mit den üblichen, klassischen Argumenten zu gewinnen.
  • Hier setzte die Tagung an. Kerngedanke: Die Gesellschaft differenziert sich auch hinsichtlich des ehrenamtlichen Engagements aus. Wenn wir Menschen für ehrenamtliche Mitarbeit gewinnen wollen, müssen wir ernstnehmen, wie unterschiedlich die Motivationen sind, die Menschen bereit machen, sich für den Nächsten und das Gemeinwohl einzusetzen. Die lebensweltliche Ausdifferenzierung zieht nach sich, dass Argumente, die für eine konservativ-etablierte Persönlichkeit Motiv genug sind, einen Adaptiv-Pragmatischen noch lange nicht ansprechen. Wer gewinnen will, muss die jeweilige Lebensweltlogik derer, die er gewinnen will, ernst nehmen und von ihr her denken. Dann zeigt sich, dass der benefit eben höchst unterschiedlich ist.
  • Es zeigt sich aber auch, dass schon auf der Ebene der Sprache und der verwendeten Begriffe „das Problem beginnt“ bzw. greifbar wird. Ehre und Amt gehören zum aktiven Wortschatz vieler Jüngerer einfach nicht dazu, sind vielmehr einer verschollenen, nicht mehr zugänglichen mentalen Welt. Auch der Begriff der „Freiwilligenarbeit“ löst vielfach verfehlte Assoziationen und nicht nur angenehme Konnotationen aus. MaW., das Ehrenamt für alle Milieus gibt es gar nicht, sehr wohl aber verschiedene Möglichkeiten, Menschen auf ihr Engagement für andere anzusprechen: Da stehen dann neben der klassischen Sachspende, Geldspende oder Ressourcenspende in traditionsorientierten Milieus die Bereitschaft von Expeditiven, auf dem Gemeindefest den Kirchturm hochzuklettern, von Performern, ihr Orga- und Admintalent kostenlos in ein Projekt einzubringen, bei dem sie zeigen können, was sie können; von Adaptiv-Pragmatischen, etwas zu tun, was (auch) den eigenen Kindern einen handfesten Nutzen bringt.

(Weitere Infos:

  • MDG-Milieuhandbuch 2013. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus, im Auftrag der MDG Medien-Dienstleistung GmbH, Heidelberg / München 2013;
  • Heinzpeter Hempelmann/ Karen Hinrichs/ Ulrich Heckel/ Dan Peter (Hrsg.): Auf dem Weg zu einer milieusensiblen Kirche. Die SINUS-Studie „Evangelisch in Baden und Württemberg“ und ihre Konsequenzen für kirchliche Handlungsfelder, Neukirchen 2015 [Kirche und Milieu Bd. 2], 131-140)